Piaffieren

„Nicht für Instagram, sondern fürs Pferde-Leben lernen wir“ – frei nach SENECA

Piaffieren ist heute gerade unter den Freizeitreitern eine äußerst beliebte Lektion – mit geradezu exponentieller Tendenz… Besonders auffällig dabei: in den sozialen Medien wird die vermeintliche Piaffe voller Stolz präsentiert, wobei fast auschließlich vom Boden aus.

Zweifelsohne arbeiten die zumeist barocken Hauptdarsteller wirklich engagiert mit und erobern unsere Herzen.

Auch wird suggeriert, damit quasi den Olymp der Handarbeit-Ausbildung erfolgreich bestiegen zu haben. Tatsächlich ist nur in den seltensten Fällen eine korrekte Piaffe zu sehen. Leider wird diese hochwirksame Lektion häufig falsch verstanden und die meisten Likes bekommen oft jene, bei denen die Kruppe möglichst hoch nach oben hopst.

Wie aber sieht sie denn nun korrekt aus und wann sollten die ersten Vorübungen ins Training eingebaut werden?! Sobald Du zu Ende gelesen hast, verfügst Du über alle relevanten Informationen.

Mit dem Schritt verwandt

Fälschlicherweise wird die Piaffe als Trabbewegung bezeichnet – oder salopp gesag: ein Trab am Platz. Dabei ist die Piaffe in erster Linie mit dem Schritt verwandt und das Diagonalisieren hin zu einer Trabbewegung wird tatsächlich vom Pferd selbst entwickelt und kommt mit der Zeit von ganz alleine.

Weitläufig wird auch die Meinung vertreten, dass das Pferd sechs bis acht Jahre alt sein sollte, bevor mit schwierigen Lektionen begonnen werden sollte. Man sieht diese als Vorbereitung für die Passage im höchsten Niveau der Ausbildung eines Pferdes an. Irrtümlicherweise wird die Piaffe ebenfalls häufig als sehr spannungsgeladene Lektion interpretiert.

Besser ist es von Beginn an die gelassene Lockerheit, die Konzentration und das feine Timing der Balance geduldig zu pflegen – insbesondere mit Blick auf körperliche Anpassungen von Aspekten wie Hankenbiegung und Geschlossenheit des Rumpfes .

Losgelassene, verkürzte Schritte

Betrachtet man allerdings den Entwicklungsweg einer Piaffe genauer, zeigt sich, dass eigentlich – sofern korrekt ausgeführt – der Schritt auf tänzerische Art und Weise in kurzen Reprisen versammelt wird. Der Fokus liegt hierbei statt auf einer möglichst schnellen Diagonalisierung des Pferdes vielmehr auf losgelassenen, verkürzten Schritten.

Während der gesamten Ausführungsdauer in der Hinterhand gesetzt, entsteht dadurch eine wunderschöne Aufrichtung nebst lockerer Geschlossenheit, vergleichbar jener im versammelten Galopp.

Nachdem dies alles gelassen etabliert wurde, folgen achtsames, gutes Timing im Touchieren und das Spiel mit den jeweiligen Energien von Rückwärts als auch Vorwärts sowie von Schritt und Trab.

Vorübungen, die auch für das junge Pferd geeignet sind

Mit entsprechenden Vorübungen kann bereits im Alter von vier bis fünf Jahren begonnen werden. Dank der Schaukel, sprich Vor- und Zurück-Bewegungen in immer kürzer werdenden Reprisen, sowie von Paraden lernt das Pferd, sich immer mehr auf die Hanken zu setzen.

Diese Übungen für die Piaffe und den versammelten Schritt helfen in einer weiteren Entwicklung zum versammelten Trab und vor allem für den versammelten Galopp. Man kann sogar noch einen Schritt weitergehen.

Pferde, die Mühe mit dem Galoppieren haben, werden im Schritt und Trab sowie in den Seitengängen ausgebildet. Parallel dazu erfolgt das vorsichtige und achtsame Anpiaffieren mit dem Ziel, daraus das korrekte Angaloppieren zu entwickeln.

Die Vorübungen, noch im Schritt absolviert, helfen beim sogenannten „sich in die Hand setzen“ genauso wie beim Verkürzen des Schritts. Quasi nebenbei wird ebenfalls der Widerrist geöffnet und angehoben – ein sehr hilfreicher Aspekt wiederum für die Beweglichkeit und Schubkraft in den Seitengängen. Ganz automatisch und auf natürliche Weise verbessert dieses Vorgehen sowohl Anlehnung als auch Zügelgehorsam.

Die abschliessende Galopp-Phase

Grundsätzlich wird die Piaffe-Arbeit statt – wie allgemein üblich mit einer Trabphase – immer mit einer Galoppphase beendet. Gerade in der Sport-Reiterei nutzt man die Piaffe als energie- und spannungsgeladene Lektion, um daraus vermeintlich ausdrucksstarke Tritte zu entwickeln. Böse Zungen titulieren das Ergebnis treffender als Spannungstritte. Diese helfen dann für und gegen NIX, denn wähle ich diesen Weg, mache ich das Pferd in der Piaffe über diesen verspannten Trab rechteckig. Schließe ich die Piaffe-Arbeit hingegen mit einer Galopphase ab, forme ich eine runde Bewegung und entsprechend auch das Pferd.

Die Entwicklung einer solch akkuraten Piaffe benötigt durchaus vier bis sechs Jahre und kann als Parallelprozess die gesamte Ausbildung des Pferdes begleiten.

Getreu dem Motto meines alten Lehrmeisters Fredy Knie sen. gibt „jeden Tag 1 mm irgendwann auch einen Meter.“

Wichtig

Ein verspanntes Zappeln auf der Stelle ist vieles, nur eben keine Piaffe. Das Pferd soll sich in der Übung ruhig und nervenstark präsentieren. Eine wahre Piaffe ist der sanfte, gut balancierte Übergang von Takt und Energie zwischen Schritt und Trab.

Der Ausbilder braucht neben Geduld und konsequenter feiner Ruhe vor allem ein gutes pädagogisches Gespür für die Stärken und Schwächen des einzelnen Pferdes. Dabei spielt das Timing eine wesentlich grössere Rolle, als die Intensität der Einwirkung. Feines Gespür ist nötig, wenn es für ihn darum geht, zu entscheiden, ob er in der Handarbeit mit einer Schaukel aus dem Schritt auf dem ersten Hufschlag beginnt oder am Kappzaum erst mal seitwärts nach Aussen tanzen lässt.

Letzteres bietet sich gerade bei Sportpferden bevorzugt an; haben diese leider zumeist nur gelernt, ihre Tritte zu vergrößern. In den seltensten Fällen trifft das auch auf das Verkleinern zu. Stellt man diese Pferde dennoch auf den ersten Hufschlag und versucht sie zu schaukeln und über kurze Reprisen antreten zu lassen, dann wird dies häufig mit Stress beantwortet. Das Pferd kann dann oft nur noch mit Grobheit gebremst werden.

Lässt man es hingegen in der Longenarbeit im ruhigen Schritt auf einer kleinen Volte seitwärtstreten und auch immer wieder seitwärts kurz antraben, dann löst sich die Vorschub-Energie über die Seitwärts-Arbeit auf. Dadurch lernt das Pferd sehr leicht, diese kleinen Tritte zu entwickeln und sich dabei mit dem jeweiligen inneren Hinterbein mehr unter den Schwerpunkt zu stellen.

Dieser Prozeß verlangt Geduld

Als Belohnung kommt dafür irgendwann der Zeitpunkt, wo wir seitwärts an die Bande tanzen und uns Stück für Stück dem Hufschlag nähern, der das Pferd dann immer mehr geraderichtet.

Mein Fazit

Bekanntermaßen gilt laut Nuno Oliveira das Schulterherein als das Aspirin der Reiterei. Analog dazu entspricht die Piaffe einem Breitbandantibiotikum.

Die Piaffe-Arbeit ist somit ein Universalwerkzeug, um das Pferd in allen Touren und Gängen zu verbessern sowie seine Technik und Kraft weiter zu entwickeln und verbessern. Sie bringt das Pferd innerlich und äußerlich zum Strahlen – Stichwort Kadenz – und unterstützt mit dem Takt auch schon ab der ersten Stufe der Skala der Ausbildung. Last but not least hilft die Piaffe dem Galopp und umgekehrt.

Wie sieht denn nun ein sinnvoller Trainingsaufbau aus?!?

Die folgenden Lektionen und Übungen helfen dem Pferd zur Entwicklung einer korrekten Piaffe:

An der Hand bzw. Longe

  1. Turn-Übungen an der Hand ( Füße heben auf Stock-Berührung )
  2. Kleine Tritte an der Hand mit dem Pferd gehen
  3. Die Schaukel
  4. Das Antraben im Übertreten an der Longe aus der Volte heraus

Unterm Sattel

  1. Die gerittene Parade als Grundvorausetzung
  2. Die Schaukel
  3. Im Schritt verkürzen
  4. Das Schulterherein
  5. Den Trab verkürzen / versammeln
  6. Die Zickzack-Traversale
  7. Die Passade im Trab in den Wiener Linien

Den Großteil dieser Übungen können wir auch gemeinsam ganz einfach im Online-Coaching umsetzen.

Wenn Du Dein Pferd fördern möchtest und Dir Unterstützung im Training wünschst, dann nutze die folgenden Infos auf Coach my Ride, damit wir damit starten können!

Mehr dazu findest Du in meinen Paraden-Buch im Chrystal-Verlag

NEU !! HB-CLASSIC-COLLEGE

Voraussichtlich im November 2024 öffnet das neue Online-Wissenportal von Horst Becker & Friends. Hier wird Horst Becker in den nächsten 3 Jahren seine ganz Arbeit aus den Büchern & Filmen – aktualisiert und auf heutigen Stand – allen motivierten Pferdefreunden zur Verfügung stellen. Ergänzt wird diese Wissensbibliothek mit Filmen und Podcasts, Trainingsplänen und zielführenden Übungsanleitungen für ein nachhaltiges, harmonisches Training, das Pferd und Reiter Spass macht.

Ach, und noch was: die Freude kommt von üben & können ganz allein! Lasst uns einfach mit den Pferden Spaß haben!!!

Euer Horst Becker

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